Simultan Installation Lab Steinplatz

mmtt gewinnt Nicht-offenen Kunstwettbewerb für temporäre Kunstprojekte auf dem Steinplatz in Berlin-Charlottenburg. Ein exploratives Experiment das die Präsenz der Gegenwart und der Geschichte in der Gegenwart untersucht. 24 Skulpturen, die mal auf dem Platz waren, sein sollten oder her möchten.

Temporäres Versuchsfeld in Charlottenburg

[Siegerentwurf mit Realisierungsempfehlung – Nicht offener Kunstwettbewerb für temporäre Kunstprojekte auf dem Steinplatz in Berlin-Charlottenburg ]

ZIEL: mmtt führt auf dem Steinplatz ein exploratives Experiment durch. Erforscht wird die konkrete Wirkung von Zeit und Raum auf die menschliche Wahrnehmung: Eigen-Empfinden (optional: Handeln) der Besucher*innen soll hier Gegenwart in konkrete Relation zu Geschichte bringen. Ziel ist es Anwohner*Innen und Passant*Innen bei Betreten des Platzes in einen höheren Bewusstseins- zustand zu versetzen: die Öffnung des Vorstellungsraums, also dass erlebte Gegenwart gleichzeitig immer Geschichte ist.

AUFBAU: mmtt wird den Steinplatz von skulpturalen Zeitzeugen aus der Geschichte des Platzes in eine Simultan- Installation verwandeln, in der die Kontinuität von Zeit und Raum aufgehoben ist. Für die Dauer von neun Wochen wird mmtt ein Zeitkondensat materialisieren: Zeichen aus 133 Jahren wie Denkmäler, Mahnmale, Ereignisse und Erinnerungen die sich auf und um den Steinplatz herum manifestiert, ereignet und abgespielt haben, werden simultan nebeneinander angeordnet.

HINTERGRUND: Wer weiß noch dass hier ein Kaiserdenkmal stand? Dass ein Wettbewerb für ein Freiherr-von-Stein-Denkmal einen Vorschlag für einen Brunnen mit Pelikanen und Elefanten hervorbrachte? Dass nach Ende des ersten Weltkrieges das Kaiserdenkmal gestürzt wurde? Dass von hier Anwohner „abgeholt“ und deportiert wurden? Dass das sogenannte 3. Reich auch am Steinplatz Anpassungs- und Widerstandsstrategien generierte? Wer erinnert, wie nach Ende des zweiten Weltkrieges zwei aufeinander folgende Gedenkorte für Opfer des Stalinismus und Opfer des Faschismus errichtet wurden? Dass sich hier Romy Schneider und Alain Delon stritten? Dass hier Studenten demonstrierten? Dass hier zur 750 Jahrfeier der Stadt Berlin eine von zwei Büsten Freiherr von Steins aufgestellt wurde? Was ist aus dem Kino, dem Hotel geworden? Weiß noch jemand, wie die Gegend um den Steinplatz in den 80ern des 20. Jahrhunderts gentrifiziert wurde?

RISIKO: Der Projektions-Druck auf die derzeit vorhandenen Denkmäler wird in dieser Versuchsanordnung ungeheuerlich groß sein. Dieser Druck entsteht durch die Projektions- Kraftfelder, die 24 von mmtt simultan aufgestellte Skulpturen auf dem Steinplatz erzeugen. Vorgesehen sind Materialisationen aus 133 Jahren: das Kaiserdenkmal, Pelikan und Elefant des Gaul’schen Brunnens, ein Denkmal für das Kriegslazarett Hardenbergstraße, ein Denkmal für den „Mördermord“ von 1921 (Tehlirian & Pascha), für die Familie Behar (Opfer des Holocaust), für Elisabeth Schumacher (Mitglied der Widerstandsgruppe Rote Kapelle), für Julius Posener (Architekturhistoriker), für Hilde Körber (Schauspielerin, Kommunalpolitikerin), für die erste Professorin der freien Kunst an der UdK(Rebecca Horn) sowie 14 weitere. (siehe Auflistung)

SICHERHEITSMASSNAHME: mmtt wird für die Dauer dieses SIMULTAN-INSTALLATIONS LAB Steinplatz auch sämtliche hinzugefügte Denkmäler und Skulpturen von Labor-Fachleuten in Sicherheits-Umverpackung einpacken lassen. Nur so können auch sie dem erzeugten Druck der zeitlichen Verdichtung und der geschichtlichen Tektonik- und Parameter-Verschiebung standhalten. Es wird die wissenschaftlich bewährte preußische Rasteranordnung für die Aufstellung der hinzugefügten Artefakte angewandt, um so notwendige Mindestsicherheits-Abstände zwischen den verschiedenen Zeitepochen (ihrer jeweiligen Eigen-Zeit) auf dem befestigten Teil des Steinplatzes zu gewährleisten. Die vorhandenen Denkmäler werden an ihren Standorten verbleiben können – hier sind die Abstände groß genug – eine professionelle Schutzverhüllung ist allerdings auch hier unabdingbar.

               

VORGEHEN: Die Spuren der Geschichte des Steinplatzes sind also simultan physisch in diesem Versuchsfeld präsent, wenn auch aus Sicherheitsgründen nur verhüllt für das Publikum sichtbar. Beschriftungen der Bodenplatten weisen Besucher*innen daher für die gesamte Dauer des SIMULTAN-INSTALLATION LABs auf die Herkunft und Geschichte der auf ihnen befindlichen Denkmäler hin. Darüberhinaus werden an fünf Sonntagen fachkundige Führungen über den Steinplatz mit dem Stadtführer kostenfrei angeboten. Zusätzliche Touren können kostenpflichtig gebucht werden. Der ausgewiesene Experte Hoffmann wird all seine Erfahrung gepaart mit stadthistorischen Kenntnissen für die Vermittlung dieser ephemeren SIMULTAN-INSTALLATION einbringen und die einzelnen Artefakte und ihre Geschichte vorstellen. So stellt mmttsicher, dass alle Aspekte des Steinplatz-Experiments dem interessierten Publikum vermittelt werden.
mmtt kann darüberhinaus versichern, dass keinerlei körperliche Belastung für Menschen im SIMULTAN-INSTALLATION LAB Steinplatz entsteht.

THESE: mmtt erwartet hier ein psychologisches Phänomen beobachten zu können: im Energiefeld dieses SIMULTAN-INSTALLATION LABs findet eine Erweiterung der Wahrnehmung und Vorstellung von Besucher*innen und Passant*innen des Gebiets statt. Durch die zeitgleiche Materialisierung von Skulpturen, die hier schon mal standen, wie auch solche die einst im Gespräch und bloß angedacht waren oder gar nur „hergewollt“ hätten, öffnen sich gedankliche Räume, die verschüttete, kolportierte und individuell erlebte Geschichte in die gegenwärtige Wahrnehmung holen: Eigenes gegenwärtiges Erleben wird mindestens für die Dauer des konkreten physischen Aufenthalts im SIMULTAN-INSTALLATION LABs Steinplatz in Beziehung zum Kontext von „Geschichte“ begriffen: Gegenwart als Geschichte.

DOKUMENTATION: mmtt wird dieses äußerst rare Phänomen der Auswirkung des SIMULTAN- INSTALLATION LABs auf die Wahrnehmung der Besucher*innen an 4 Samstagen aufzeichnen lassen und so einen hohen Grad an Partizipation erreichen. Es wird erwartet, dass hier Raum-Zeit bezogene Vorstellungsräume von Probanden freigesetzt werden, die in einem regulären Raum-Zeit-Fluidum der Wahrnehmung nicht zugänglich sind. Diese fragilen Vorstellungsräume der Anwohner*innen werden in Einzel-Sessions durch professionelle Transkriptor*innen sorgfältig, umsichtig und nachhaltig gesichert. Die Vorstellungsräume können sowohl in Form erinnerter Geschichte als auch wahrgenommener Gegenwart auftreten.

Im Anschluss an nach Ende des SIMULTAN-INSTALLATION LABs Steinplatz werden diese anonymisierten Transkriptionen zusammen mit der fotografischen Dokumentation des Versuchsanordnung an das Stadtarchiv des Bezirks Charlottenburg übergeben, so dass die hier gewonnenen Erkenntnisse und Erinnerungen auch in Zukunft der Wissenschaft zur Verfügung stehen.